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Interview mit Dr. Jacqueline de JongWarum ein starker Beckenboden so wichtig ist

Eine Schwangerschaft und die Geburt können eine hohe Belastung für den weiblichen Beckenboden darstellen. Dr. Jacqueline de Jong ist Physiotherapeutin in Spiez und Expertin für Beckenbodengesundheit. In ihrer Praxis unterstützt sie Menschen mit Beschwerden wie Inkontinenz, Organsenkungen oder Schmerzen. Anlässlich der Welt-Kontinenz-Woche sprechen wir mit ihr darüber, warum es sich lohnt, den Beckenboden bereits in der Schwangerschaft zu stärken – und wie Frauen nach der Geburt ihre Muskulatur Schritt für Schritt wieder aufbauen können.
Frau Dr. de Jong, kann es sein, dass sich viele Frauen erst mit ihrem Beckenboden beschäftigen, wenn Probleme auftreten? Warum sollte das Thema schon während der Schwangerschaft eine Rolle spielen?
Ja, das ist tatsächlich häufig der Fall. Viele Frauen setzen sich erst dann mit ihrem Beckenboden auseinander, wenn Beschwerden wie Harn- oder Stuhlinkontinenz, eine Reizblase, Senkungsprobleme oder Schmerzen im Beckenbereich auftreten – häufig nach einer Geburt oder in den Wechseljahren. Dabei wäre es sinnvoll, sich schon frühzeitig, idealerweise sogar vor einer Schwangerschaft, mit dem Beckenboden zu beschäftigen. Schliesslich handelt es sich um eine wichtige Muskelgruppe, die genauso zum Körper gehört wie beispielsweise Bauch- oder Rückenmuskulatur.
Was passiert mit dem Beckenboden während der Schwangerschaft und Geburt?
In der Schwangerschaft sorgen hormonelle Umstellungen dafür, dass sich Bänder und Bindegewebe lockern. Gleichzeitig wächst die Gebärmutter und übt zunehmend Druck auf den Beckenboden aus. Das zusätzliche Gewicht, die veränderte Körperhaltung und die fortschreitende Dehnung belasten den Beckenboden zunehmend.
Während der Geburt muss sich der Beckenboden maximal ausdehnen, damit das Baby durch den Geburtskanal treten kann – er wird dabei auf das Zwei- bis Dreifache seiner ursprünglichen Länge gedehnt. Besonders betroffen ist der Musculus levator ani, der zentrale Muskel des Beckenbodens. Diese extreme Dehnung ist zwar notwendig, kann aber – abhängig vom Geburtsverlauf, der Position des Kindes, der Dauer der Austreibungsphase und der individuellen Gewebefestigkeit – zu Überdehnungen oder sogar Muskelverletzungen führen.
Welche typischen Beschwerden können nach der Geburt auftreten, und wie lassen sie sich minimieren oder gar vermeiden?
Nach der Geburt berichten viele Frauen über Beschwerden, die mit der Beckenbodenfunktion zusammenhängen. Typisch sind unwillkürlicher Urinverlust bei Husten, Niesen oder Heben (Belastungsinkontinenz) sowie ein Druck- oder Fremdkörpergefühl in der Scheide. In einigen Fällen kann es auch zu Wind- oder Stuhlabgang oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen. Diese Beschwerden entstehen meist durch Dehnung oder Verletzungen der Beckenboden- und Schliessmuskulatur sowie durch Narbenbildung nach Geburtsverletzungen oder Eingriffen. Die Risikofaktoren für die Entwicklung einer Beckenbodendysfunktion lassen sich nur schwer vorhersagen. Auch deshalb ist die Rate an Kaiserschnitten europaweit hoch. Aber ein gut vorbereiteter und trainierter Beckenboden kann präventiv helfen, die Belastungen während der Geburt besser aufzufangen und sich danach schneller zu regenerieren.
Gibt es Übungen, die werdende Mütter bereits vor einer geplanten Schwangerschaft oder während der Schwangerschaft in ihren Alltag einbauen können?
Ja, es gibt viele Übungen, die Frauen sowohl vor als auch während der Schwangerschaft in ihrem Alltag umsetzen können. Doch bevor wir diese Übungen im Alltag integrieren können, ist es entscheidend, dass Frauen wissen, wo sich ihr Beckenboden befindet oder wie er sich anfühlt. Darum ist der erste Schritt, die Wahrnehmung zu fördern. Dabei geht es darum, bewusst den Unterschied zwischen Anspannen und Loslassen zu spüren, die eigene Körpermitte kennenzulernen und das Zusammenspiel mit Atmung und Haltung zu beobachten. Darauf folgt das gezielte Beckenbodentraining, bei dem der Aufbau von Kraft, Ausdauer und Koordination im Mittelpunkt steht – angepasst an die jeweilige Lebenssituation, sei es präventiv, während der Schwangerschaft oder nach der Geburt. Abschliessend ist es sinnvoll, den Beckenboden automatisch in alltägliche Bewegungsabläufe zu integrieren – etwa beim Heben, Tragen, Niesen oder beim Sport.
Rückbildungsgymnastik ist oft ein Gesprächsthema unter jungen Müttern. Wann sollte man damit beginnen, und worauf kommt es an?
Rückbildungsgymnastik ist ein wichtiges Thema für junge Mütter. Sie unterstützt den Körper dabei, sich nach Schwangerschaft und Geburt zu regenerieren – insbesondere durch die Stärkung des Beckenbodens und der tiefen Bauchmuskulatur. Bereits in den ersten Tagen nach der Geburt können sanfte Wahrnehmungsübungen für den Beckenboden begonnen werden, z. B. in Verbindung mit bewusster Atmung. Der Einstieg in das eigentliche Beckenbodentraining ist jedoch individuell unterschiedlich. Jede Geburt verläuft anders – mit unterschiedlichen Risikofaktoren, Verletzungen oder körperlichen Voraussetzungen. Auch der Geburtsmodus (Spontangeburt oder Kaiserschnitt) beeinflusst, wann und wie trainiert werden kann.
Grundsätzlich gilt: so bald keine Schmerzen beim oder nach dem Üben auftreten, dürfen Beckenbodenübungen durchgeführt werden. Wichtig ist dabei, auf die Signale des Körpers zu achten und sich ggf. ärztlich oder physiotherapeutisch beraten zu lassen.
Neben gezielten Übungen gibt es auch Hilfsmittel wie RECAfem. Welche Rolle spielen solche Produkte bei der Beckenbodenstärkung?
Produkte wie RECAfem können eine unterstützende Rolle bei bestimmten Beckenbodendysfunktionen spielen. Zunächst ist es wichtig zu erklären, dass RECAfem ein medizinisches Hilfsmittel in Form eines Vaginaltampons ist, das speziell zur Unterstützung bei Belastungsinkontinenz und Organsenkungen entwickelt wurde. Der Tampon wird vaginal eingeführt und dient dazu, den Blasenhals mechanisch zu stützen. Dadurch kann die Kontrolle über die Blase verbessert und unwillkürlicher Urinverlust reduziert werden. Gleichzeitig können Senkungsbeschwerden (wie ein Druckgefühl oder Fremdkörpergefühl in der Scheide) reduziert werden. Wie bereits erwähnt, gehören Belastungsinkontinenz und Senkungsbeschwerden zu den häufigsten Symptomen nach einer Geburt. Viele betroffene Frauen verändern aus Scham oder Angst vor "Unfällen" ihr Verhalten – sie trinken weniger oder vermeiden körperliche Aktivität. Das ist bedauerlich, denn wir wissen, dass eine gute körperliche Kondition wesentlich zur Erholung des Beckenbodens beiträgt. Nach einer Geburt verändert sich das Leben einer Frau oft drastisch – das Kind steht im Mittelpunkt, und die eigenen Bedürfnisse geraten schnell in den Hintergrund. Gerade in dieser Phase kann Sport nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Gesundheit stärken. Wenn ein Produkt wie RECAfem dazu beiträgt, dass eine Frau schneller und sicherer wieder sportlich aktiv werden kann, ist das ein bedeutender Gewinn an Lebensqualität.
Gynäkologinnen, Gynäkologen und spezialisierte Beckenbodenphysiotherapeutinnen, -therapeuten können Frauen individuell beraten, welche Grösse und Anwendung eines Pessars für sie geeignet ist.
Welche Tipps haben Sie für Frauen, die sich bisher noch nicht mit ihrem Beckenboden beschäftigt haben?
Fangen Sie an mit Training. Es ist nie zu spät, und es lohnt sich in jedem Alter!
Viele Frauen beschäftigen sich erst dann mit ihrem Beckenboden, wenn erste Beschwerden auftreten – dabei kann frühes und regelmässiges Training Beschwerden vorbeugen, lindern oder sogar beheben. Hier sind einige einfache Tipps für den Einstieg:
1. Informieren Sie sich
Ein gutes Körperverständnis ist die Grundlage für effektives Training. Lernen Sie, wo Ihr Beckenboden liegt und welche Funktionen er erfüllt
Schauen Sie sich z.B. Videos im Internet an oder informieren Sie sich bei verlässlichen Quellen, z. B. bei der Schweizerischen Gesellschaft für Blasenschwäche (www.incontinex.ch).
2. Wahrnehmung: spüren Sie Ihren Beckenboden
Bevor Sie trainieren, sollten Sie lernen, den Beckenboden gezielt anzusteuern:
Stellen Sie sich z. B. vor, Sie möchten einen Urinstrahl unterbrechen.
Achten Sie darauf, dass sich nur die Beckenbodenmuskeln anspannen – Bauch-, Gesäss- und Oberschenkelmuskeln sollten entspannt bleiben.
Ausatmen bei der Anspannung oder gleichmässig weiter atmen
Nach der Anspannung: bewusst wieder entspannen und Pause einlegen
3. Trainieren: regelmässig, bewusst, effektiv
Ausdauerübung:
Spannen Sie den Beckenboden für ca. 10 Sekunden an.
Danach: vollständig entspannen und Pause ebenfalls 10 Sekunden.
Wiederholen Sie diese Übung 15 Mal, 2 Mal täglich.
Kurzaktivierungen im Sekundentakt:
Spannen Sie den Beckenboden 1 Sekunde lang an, dann Entspannen
Wiederholen Sie das 15 Mal, 2 Mal Täglich
Integrieren Sie den Beckenboden in Alltag und Sport
Spannen Sie den Beckenboden bewusst vor Belastungen an, z. B. beim Husten, Heben, Treppensteigen oder Laufen.
Auch beim Yoga, Pilates oder Krafttraining lässt sich der Beckenboden gezielt einbauen.
Allgemeine Tipps
Weniger ist mehr: Lieber regelmässig 5 Minuten üben als selten lange.
Ruhe und Fokus: Anfangs lieber in entspannter Umgebung üben, später kann man sie im Alltag integrieren.
Geduld: Spürbare Erfolge brauchen meistens vier Monate – dranbleiben lohnt sich!
Haben Sie Beschwerden?
Ich möchte alle Frauen, die unter Beschwerden wie Inkontinenz, Senkungsbeschwerden oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr leiden, ermutigen – sprechen Sie darüber mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt. Sie können mit Ihnen die passendste Therapie besprechen. Häufig erfolgt eine Überweisung zu einer spezialisierten Physiotherapeutin oder einem Physiotherapeuten, die/der eine individuelle Therapie – unterstützt durch Biofeedback oder Ultraschall – für Sie erstellt. Eine Therapeutenliste finden Sie unter www.pelvisuisse.ch
Ein gut funktionierender Beckenboden gibt Sicherheit, Stabilität und Selbstvertrauen. Mit ein wenig Aufmerksamkeit und regelmässiger Übung können Sie viel für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden tun – beginnen Sie heute!
Vielen Dank für Ihre wertvollen Einblicke, Frau Dr. de Jong!
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