Wissensreihe #Inkontinenz: Blasenbeschwerden bei Frauen

Für unsere Story haben wir Marlies von Siebenthal, Leitende Fachfrau für Blasen- und Intimbeschwerden, Blasen- und Beckenbodenzentrum, Frauenklinik, Kantonsspital Frauenfeld interviewt.

Liebe Frau von Siebenthal, was sind die häufigsten Beschwerden bei Frauen?

  • Blasenentzündungen
  • Reizblasenbeschwerden
  • Harninkontinenz

Die häufigsten Inkontinenzformen sind: 

  • Belastungsinkontinenz 
  • Dranginkontinenz
  • Mischharninkontinenz (Belastung und Drang)

Seltenere Formen:

  • Überlaufinkontinenz
  • Neurologische Inkontinenzformen

 

  • Jucken und Brennen im Intimbereich
  • Vaginales Trockenheitsgefühl, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
  • Senkungszustände der Beckenorgane: Blasen-, Darm-, oder Gebärmuttervorfall
  • Seltener und sehr schwerwiegend ist die Interstitielle Cystitis (IC)

All diese Beschwerden bringen die Betroffenen nicht um, sie nehmen ihnen aber das Leben.

Blasen- und Beckenbodenbeschwerden treffen Frauen jeden Alters. Fast jede zweite Frau ist im Laufe ihres Lebens in irgendeiner Form davon betroffen. In der Menopause nehmen die Beschwerden wegen dem Hormonmangel deutlich zu. Blasenentzündungen treten bei einem Hormonmangel sogar 10x häufiger auf.

 

Was sind die Ursachen?

Es gibt viele unterschiedliche Ursachen:

  • Durch die kurze Harnröhre der Frau und das Einmünden der Harnröhrenöffnung in die Scheide hat es immer Bakterien. Aufgrund dem Hormonmangel in der Menopause oder durch Verhütungsmethoden neigt die Frau zu mehr Blasenentzündungen und Intimbeschwerden.
  • Wiederkehrende Blasenentzündungen können zu Reizblasenbeschwerden bis hin zur Dranginkontinenz führen.
  • Die Beckenbodenmuskulatur ist durch drei Öffnungen Anus, Scheide und Harnröhre wenig stabil und bei Schwangerschaft und Geburt grossen Belastungen ausgesetzt.
  • Eine Schwächung der Beckenbodenmuskulatur führt zu mehr Belastungsinkontinenz und Organsenkungen.
  • Bei einem Hormonmangel bauen sich Muskel- und Bindegewebe sowie die Schleimhaut ab, die Abwehrmechanismen werden geschwächt. Die Folgen sind Inkontinenz, Blasen- und Intimbeschwerden, chronische Entzündungen sowie Senkungszustände.
  • Zu geringe Trinkmengen.
  • Chronischer Husten und Verstopfungen können die Beckenbodenmuskulatur ebenfalls schwächen.
  • Im höheren Alter sind die vielen Medikamente, psychische Probleme, Ängste und Gangunsicherheiten zusätzlich für die Zunahme der Blasenprobleme verantwortlich.

Die Blase ist der Spiegel der Seele!

 

Was kann man dagegen tun?

Die Behandlung und Therapie ist natürlich abhängig von der Ursache und Form der Beschwerden.

  • Bei einer Beckenbodenschwäche soll ein Beckenbodentraining bei einer speziell dafür ausgebildeten Physiotherapeutin durchgeführt werden. Je nach Inkontinenzform muss auch das Beckenbodentraining angepasst werden und das Training kann evtl. mit Elektrotherapie o.a. unterstützt werden.
  • Bei einem Hormonmangel soll der Mangel mit einer vaginalen Applikation von Hormoncremen oder Ovulas ausgeglichen werden.
  • Trink- und Miktionstraining, ca. 1,8 - 2 Liter trinken und Urinvolumina auf 3 – 5 dl trainieren (wenige Ausnahmen).
  • Bei Belastungsinkontinenz und Senkungsbeschwerden ist die geniale Sofortlösung ein Pessar , dieses kann durch die Patientin selber in die Scheide eingeführt werden.
  • Blasen-beruhigende Medikamente werden vor allem bei der Reizblase und Dranginkontinenz eingesetzt.
  • Schonende Intimpflege mit ph-neutraler, rückfettender Waschlotion - aber weniger ist mehr. Weniger waschen, besser mehr fetten.
  • Entzündungsbehandlung.
  • Bei ausgeschöpfter, ungenügend wirksamer, konservativer Therapie und Aufklärung über Risiken und Erfolgschancen kann bei Belastungsinkontinenz und Organsenkungen ein operatives Vorgehen gewählt werden.

 

Wie erleben Sie die Frauen? Sprechen sie offen über ihre Beschwerden?

Bei uns sind sie natürlich bereits bei einem Spezialisten-Team und da fällt das Sprechen darüber leichter. Sie möchten Hilfe erhalten. 

Beim Hausarzt oder Gynäkologen fällt es ihnen sicher etwas schwerer ihre Probleme anzusprechen, daher sollte die Nachfrage aktiv durch die behandelnden Ärzte/Ärztinnen erfolgen, dann nehmen die meisten Frauen die angebotene Hilfe gerne an.

 

Was sollten die Frauen sonst noch wissen? Haben Sie einen Tipp?

Vorbeugen ist besser als Heilen! 

  • Genügend Trinken, ca. 2 Liter, ausser bei Einschränkungen durch Herz- und schwere Nierenerkrankungen.
  • Beckenbodenwahrnehmung und Training bevor Beschwerden auftreten, evtl. sollte das Thema auch in den Schulen aufgenommen werden, genauso wie die Zahnpflege.
  • Schonende Intimpflege.
  • Blasenbeschwerden nicht als Schicksal hinnehmen, sondern bei Problemen beim Hausarzt oder bei einem Spezialisten Hilfe suchen.

Blasenprobleme sind heilbar oder lassen sich zumindest mildern.

 

18.05.2020